Messerangriff in Limpertsberg: Überlebende spricht über Genesungsprozess

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Limpertsberg-Überlebende«Er soll nie wieder jemandem Schaden zufügen können»

June wurde bei dem Angriff in Limpertsberg mit zwölf Stichen verletzt. Im Interview spricht sie über ihren Alltag im Rehazentrum und die Trennung von ihrem Sohn.

Nicolas Martin
von
Nicolas Martin

Als alleinerziehende Mutter eines einjährigen Kindes lebt June derzeit in einem Rehazentrum. Ihren Sohn kann sie nur eine Stunde am Tag sehen. «Ich habe großes Glück, dass meine Familie von Anfang an da war. Sie kümmern sich von morgens bis abends um ihn, besonders meine Mutter. Auch Freunde helfen ab und zu», erzählt sie. «Da sind auch mein Vater, meine zwei Brüder und meine Schwägerinnen.»

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«In der ersten Woche auf der Intensivstation konnten wir uns nicht sehen. Das war sehr, sehr schwer. Es war das erste Mal, dass ich von ihm getrennt war. Aber ich wusste, dass er in guten Händen ist. Inzwischen bringt jeden Tag jemand meinen Sohn zu mir», sagt die Mutter. «Wir sehen uns hier oder gehen spazieren. Am Wochenende kann ich einen Nachmittag mit ihm zu Hause verbringen. Das ist unbezahlbar.» Warum sie nicht immer da sei, das verstehe ihr Sohn wohl auch gar nicht richtig.

«Ich denke die ganze Zeit an sie und ihre Familie»

Der mutmaßliche Angreifer, ein 27-jähriger Belgier, sitzt in Untersuchungshaft in Sassenheim. June äußert sich nicht zur laufenden Ermittlung. «Es ist normal, dass Menschen nach so einer Tat Antworten wollen. Aber ich möchte eine Botschaft senden. Die Polizei analysiert alles und rekonstruiert, was passiert ist und warum. Man muss sie ihre Arbeit machen lassen, die Familie der Verstorbenen respektieren sowie mich und meine Angehörigen. Auch ich brauche Antworten, aber im Moment will ich mich auf meine Reha konzentrieren.»

«Ob in einem Monat, einem Jahr oder in fünf Jahren» – sie wolle sich wieder damit beschäftigen, wenn der Prozess stattfindet. «Ich war kein Ziel, ich wollte nur einer Person helfen, die ich schreien hörte», erinnert sich June. «Ich denke die ganze Zeit an sie und ihre Familie». Angst habe sie vor dem Prozess nicht. «Ich hoffe, dass er schnell stattfindet. Ich weiß nicht, welche Strafe droht, aber ich will, dass dieser Mann nie wieder jemandem schaden kann.»

Keine Angst vor dem Prozess

June glaubt nicht, dass sich aus der Tat Lehren ziehen lassen. «Es war unvorhersehbar. Ich habe den Eindruck, dass wir als Gesellschaft oft nur noch sagen, was nicht funktioniert. Die Kritik ist nicht immer konstruktiv. Wenn alle etwas positiver, freundlicher, empathischer und respektvoller wären, wäre vieles einfacher. Manche halten das für naiv. Für mich ist es das nicht, weil es mir hilft, dort zu stehen, wo ich heute bin.»

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Bei den äußeren Verletzungen hat sich mittlerweile Besserung eingestellt. «Als ich hier ankam, hatte ich noch viele Verbände am ganzen Körper. Seit Kurzem habe ich keine Orthesen mehr.» Zwei Physiotherapie-Sitzungen habe sie pro Tag und zwei Ergotherapie-Sitzungen, um die Motorik und die alltäglichen Bewegungen zu trainieren. «Ich weiß nicht, wann ich gehen kann. Das hängt davon ab, wie ich Fortschritte mache. Die Frage ist auch, wann ich mich wieder vollständig um meinen Sohn kümmern kann. Anfangs hieß es zwischen vier und sechs Monaten. Zwei Monate sind jetzt vorbei.»

Psychologische Betreuung

Hinzu kommt im Rehazentrum die psychologische Betreuung. «Das begann schon auf der Intensivstation und im Krankenhaus. Die Verbindung zu meiner Therapeutin war schnell da.» Ein bis zweimal pro Woche habe sie Sitzungen, zusätzliche Sitzungen seien aber auch möglich. «Was auch sehr hilft, ist die Unterstützung, die ich bekomme. Die Nachrichten, die Besuche. In zwei Monaten war ich keinen einzigen Tag allein.»

Die Unterstützung beschränkt sich für June nicht nur auf Familie und Freunde. «Ich danke dem gesamten medizinischen Personal. Den Rettungskräften, den Ärzten, den Pflegekräften, den Physiotherapeuten und den Ergotherapeuten. Ich danke auch der Polizei. Wir haben großes Glück, solche Menschen zu haben.»

Beim selben Treffen hat Jane (Name geändert) mit uns auch über die Erlebnisse am Tattag gesprochen.

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